Reis statt Giftmüll I

Das Problem: Die Einweg- oder Wegwerfbatterie

Eine Familie von 20 bis 25 Personen verbraucht in Burkina-Faso für ihre Kleingeräte jährlich 900 bis 1100 Einwegbatterien

Von Arwed Milz

Das Problem – Die Einweg- oder Wegwerfbatterie in Afrika und Europa. Hier eine europäische Vision. Wir - LHL e.V., Gingko Foundation, Sahel e.V., Kinderhilfe Westafrika e.V., Villageboom GmbH. – setzen sie in Afrika um.

Die Energieversorgung auf dem Land in Burkina-Faso

Die Bauerngehöfte (Yiris) bei der Volksgruppe der Mossi sind eine Ansammlung von Wohn- und Lagerhäusern nebst Viehställen. Die Wohnhäuser sind oft aus Zementstein und mit einem Blechdach bedeckt. Die anderen Gebäude sind strohgedeckte Lehmziegelbauten. In einem Yiri lebt eine Großfamilie zwischen 10 bis 30 Personen.

Die Google-Earth Aufnahme zeigt einige Yiris, die im Abstand von 100 bis 200 m stehen. Das Foto zeigt die Außenansicht eines Yiris. Ein Dorf wie Gourgou hat rund 180 Yiris, die sich als Streusiedlung auf einer Fläche von 5 x 5 Kilometer verteilen. Viehzucht (Kühe, Schafe, Hühner u.a.) und Hirse-, Mais- und etwas Gemüseanbau während der Regenzeit sind die wirtschaftliche Grundlage der Familien. Oft arbeiten ein oder mehrere Familienmitglieder auswärts als einfache oder angelernte Arbeiter und schaffen so ein Zusatzeinkommen für die Familie.

Diese Siedlungsform (weit gestreute Verteilung der Yiris) und das geringe Einkommen der Familien wird auf lange Zeit keine Stromversorgung über ein Netz ermöglichen. Hierfür wären die Kosten für einen Netzausbau zu hoch. Deshalb erfolgt die Versorgung mit Elektrizität für verschiedene Kleingeräte bisher durch billige, quecksilberhaltige Einwegbatterien, die überwiegend aus China kommen.

Eine Familie mit 20 bis 25 Personen betreibt:


Taschenlampen

5 – 6

mit jeweils 2 Mono-Batterien

große, mobile LED-Lampen *

3 – 4

mit jeweils 3 – 4 Mono-Batterien

Radios

2 – 4

mit jeweils 2 – 4 Mono-Batterien

Handys

2 – 3

mit Lithium-Ionen Akku

*)große, mobile LED-Lampen, sog. Emergency Lanterns mit bis zu 30 LED sind beliebt und haben die Petroleumlampe total verdrängt. Sie geben mehr Licht und sind trotzt hohem Batterieverbrauch billiger. Bei den Mossi heißen sie Lampadaire. Die Lampadaire entspricht einer Solarlampe. Die Solarlampe allein würde nur eine Lampadaire ersetzen und das Problem „Einwegbatterien“ für die übrigen elektrischen Kleingeräte nicht lösen.

Die Batterien werden innerhalb von 2 bis 3 Wochen gewechselt und summieren sich im Jahr auf 900 bis 1100 Mono-Batterien zu jeweils 100 CFA / 0,15 € pro Batterie. Es fallen also durchschnittlich 100 000 CFA (150,- €) Energiekosten für diese Kleingeräte an. Hinzu kommen noch 2 – 3 Handys, für die zwischen 2000 bis 5000 CFA (3,00 bis 7,60 €) Ladegebühren für das Aufladen der Akkus jährlich anfallen.

Die Entsorgung der Einwegbatterien erfolgt rund um die Yiris auf die Bodenoberfläche, wo sie mit der Zeit erodieren und die Böden vergiften.

80 % der Bevölkerung von Burkina-Faso lebt so als Bauernfamilien auf dem Land, die Volksgruppe der Mossi stellt mit 55 % die Mehrheit. Bei anderen Volksgruppen wie den Bobo oder Lobi ist die Situation teilweise ähnlich, allerdings sind sie oft ärmer und haben weniger dieser Kleingeräte und einen entsprechend geringeren Verbrauch an Einwegbatterien.


Die Alternative zur Einwegbatterie: die wieder aufladbare Batterie (Akku)


Zwischen 20 bis 30 wieder aufladbare Batterien (Akkus), die bei guter Pflege 2 bis 3 Jahre Strom geben würden, sind die Alternative zu 1000 bis 3000 Einwegbatterien. Die Kosteneinsparungen liegen bei 50 % bis 70 %, die Müllvermeidung bei mindestens 97 %.

Die Mindesteinsparung liegt bei 50‘000 CFA (76,- €), in Naturalien ausgedrückt ist es der Preis von 100 kg Reis: 100 kg Reis statt 74 kg Batteriemüll (1000 Einwegbatterien).

Fazit: Reis statt Giftmüll


Was tun? Wie kommt die wieder aufladbare Batterie ins Dorf?

Für einen solchen Systemwechsel von der Einwegbatterie zur wieder aufladbaren Batterie (Akku) sind einige Bedingungen zu organisieren:

1. Zentrale oder dezentrale Ladestation für wieder aufladbare Batterien (Akkus)

2. Information /Aufklärung über die Vorteile des Akkus und seine optimale Pflege

3. Die Beschaffung von wieder aufladbaren Batterien

4. Die Refinanzierung des Systemwechsels über Ratenzahlungen (evtl. Mikro-Kredite)


1. Die zentrale oder dezentrale Ladestation für Akkus:

Geht nicht, gibt es nicht!

Die meisten Leute in Burkina-Faso kennen dezentrale Ladestationen zum Laden von Handys. Sie sind über das ganze Land verbreitet. Der Ladekiosk boomt. Die Landbewohner müssen 1 bis 2 x in der Woche zum Laden ihres Handy-Akkus oft Wege bis zu 10 km zurücklegen. Dort zahlen sie rund 100 CFA (0,15) € für die Ladung ihres Handy-Akkus. Solche Ladestationen gilt es zu nutzen. Sie brauchen nur noch mit Ladegeräten für Mono/D u.a. Akkus ausgerüstet werden. Es könnte losgehen, wenn es brauchbare Akkus gäbe. Für den Photovoltaikbereich gibt es in allen Städten bis hinaus aufs flache Land alles zu kaufen. Sogar die oben genannten Akkus. Leider sind sie zu teuer und meist von schwacher Kapazität, da sie bei hohen Temperaturen zu lange ungenutzt gelagert werden.

Beginnen wir deshalb mit modelhaften Projekten zum Systemwechsel, um Erfahrungen und Lösungen zu sammeln und entwickeln.

1.1. Die zentrale Ladestation in dem Dorf Gourgou bei Tenkodogo

Die „Gingko Foundation“ (http://www.gingko-foundation.org/) aus Hofheim bei Frankfurt hat im Januar 2013 eine Photovoltaikanlage für die Schule im Dorf Gourgou gespendet. Ihre Kapazität wurde von vornherein so ausgelegt, dass es für 4 Klassenräume Licht gibt und eine zentrale Ladestation für Handys, Akkus u.a. ausreichend mit Strom versorgt werden kann.

Die Leute von der Firma „Micro Sow“ aus Ouagadougou installieren zwei unabhängige Anlagen zu je 720 Wp auf den Dächern der beiden Schulgebäude. Die Solarbatterien können jeweils 400 Ah speichern (Ein ausführlicher Bericht über die Photovoltaikanlage wird später veröffentlicht).

Zum Testen ist gleich eine kleine Ladestation eingerichtet worden. Etwa 40 Mono/AA Akkus für Taschenlampen sind jetzt im Einsatz.

Z. Zt. ist die Ladestation in Gourgou als Provisorium auf dem Batteriekasten der Photovolaikanlage untergebracht. Im Herbst 2013 wird ein kleiner ständig besetzter Kiosk (Häuschen) neben den Schulgebäuden als Ladestation mit 20 bis 30 Ladegeräten gebaut. Hier können dann gegen eine monatliche Ladepauschale Handys und Akkus geladen werden.

1.2. Die dezentrale Ladestation beim Bauern Lucien in Guenghin

Diese dezentrale Ladestation besteht aus einem Solar-Home-System (SHS) für eine Familie von 20 Personen in einem Yiri.

Das Test-SHS besteht aus einem Solarmodul 20 Wp, Solarregler, Akku/12 Ah und Ladegeräten für Handy-Akkus und wieder aufladbare Batterien. Zusätzlich sind zwei LED-Lampen für 2 Gebäude installiert, die 2 Lampadaires ersetzen. Alle anderen Kleingeräte erhalten wieder aufladbare Batterien. Die Handys werden jetzt zu Hause aufgeladen.

Der Bauer Lucien wollte die Anlage gleich auf Raten kaufen, aber er soll sie erst mal testen, und wenn er überzeugt ist, wird er ab Dezember 2013 die Anlage in monatlichen Raten, die niedriger sind als seine jetzigen Ausgaben für Handyladen und den Nachkauf von Einwegbatterien abbezahlen. Nach Abzahlung des SHS sinken seine Kosten erheblich, da er nur alle 2 – 3 Jahre Akkus nachkaufen muss.

Die LED-Lampen werden später von arbeitslosen Dorfbewohnern aus gespendeten LED`s der Firmen „Diekmann Licht-Werbung“ aus Stuhr und „Hansen-Neon“ aus Haselund in Kalebassen eingebaut. Die gespendeten LED’s reichen für 200 – 300 Yiris.

Die zwei LED-Lampen erleuchten jetzt den Hofplatz auf dem sich abends gern die Familie versammelt. Die Lampen sind mit einem langen Kabel versehen und können in die beiden Wohnhäuser genommen werden. Schulkinder haben Licht für die Hausaufgaben.

Der Vorteil der dezentralen Ladestation ist nicht nur das zusätzliche Licht, sondern sie ist auch für die Familienmitglieder bequemer erreichbar. Alles kann täglich oder zweitäglich geladen werden. Das ist für die optimale Akkupflege ideal.

2. Information und Aufklärung über die Vorteile und Pflege des Akkus

Durch das wöchentliche Laden des Handy-Akkus in den Ladekiosken kennen auch die Menschen vom Dorf Ladestationen. Die Umstellung der elektrischen Kleingeräte auf wieder aufladbare Batterien bedarf trotzdem einiger Informationen und Betreuung in der Anfangsphase.

In Gourgou ist hierfür eine Arbeitsgruppe gebildet worden, die sich „VEENEM WAYA“ (das Licht ist gekommen) nennt. Es sind 3 Frauen und 5 Männer, alle arbeitslos und aus Gourgou. Mit ihnen wurde zunächst ein Workshop zur Wartung der Solarlampe von Villageboom und zum Bau der Solarlampe Kalebasse durchgeführt.





Alle Teilnehmer des Workshops demontierten und montierten problemlos die Solarlampe von Villageboom. Die Frauen hatten zum ersten Mal einen Schraubenzieher in der Hand. 


Ein Mitglied der Arbeitsgruppe lötet die Kontakte an die SMD-LED. Auch das lernten alle sehr schnell.

Es zeigte sich, dass alle Mitglieder der Gruppe „VEENEM WAYA“ schnell handwerkliche Fertigkeiten entwickeln konnten und die Grundlagen der Technik verstanden. Ein weiterer Workshop zum Systemwechsel und über die Funktion und Pflege der wieder aufladbaren Batterien und die Kostenvorteile dieses Wechsels folgte.

Es wurde von der Gruppe beschlossen, vom März bis Ende Juli alle Familien in Gourgou zu besuchen und die Vorteile der wieder aufladbaren Batterien und die spätere Arbeitsweise der zentralen Ladestation bei der Schule von Gourgou zu erklären. Über diese Gespräche soll auch das potentielle Interesse an wieder aufladbaren Batterien festgestellt werden.

Die Gruppe hat sich das Dorf Gourgou in 4 Sektoren aufgeteilt, die jeweils 2 Gruppenmitglieder besuchen und später betreuen werden. Die noch zu bauende zentrale Ladestation wird von Mitgliedern der Arbeitsgruppe täglich besetzt sein. Aus der von den Nutzern der Ladestation zu zahlenden monatlichen Ladepauschale für Akkus und Handys wird später ihr Lohn gezahlt.

Sechs Mitglieder der Arbeitsgruppe mit ihren Fahrrädern bei der Schule in Gourgou. Fahrräder sind neben Eselkarren das wichtigste Verkehrs-/Transportmittel auf dem Dorf.

Betreut und angeleitet wird die Arbeitsgruppe von Nare Issa. Er ist im Verwaltungsbezirk Tenkodogo, zu dem das Dorf Gourgou gehört, für wirtschaftliche Entwicklung und Ausbildung zuständig. Nare Issa ist sehr kompetent und Garant für den Erfolg des gesamten Projektes.


Für die dezentralen Solar-Heim-Systeme (Solar Home Systems, SHS) wird im November 2013 in Zusammenarbeit mit der NGO A.M.P.O. und dem „Sahel e.V.“ (http://www.sahel.de/sahel-e-v/verein) ein Workshop auf deren biologischer Lern- und Lehrfarm TONDTENGA durchgeführt werden (http://www.sahel.de/ampo/einrichtungen/landwirtschaftsschule). Hier erhalten bis zu 80 Jugendliche eine 2 jährige landwirtschaftliche Ausbildung. Der Direktor von AMPO Tondtenga, M. ILBOUDO Samuel möchte, dass diese Jugendlichen auch kleine Solar-Home-Systems bauen können, um sie in ihren Dörfern selber zu nutzen oder durch Bau und Verkauf einen kleinen Nebenverdienst erwerben zu können. Diese jungen Bauern könnten Multiplikatoren für den Systemwechsel von der Einwegbatterie zur wieder aufladbaren Batterie werden.


3. Beschaffung der wieder aufladbaren Batterien

Die wieder aufladbaren Batterien werden, solange es keine guten in Burkina-Faso zu kaufen gibt, importiert und von einer befreundete NGO im Container mitgenommen. Die erste Lieferung erfolgt nachdem die Gruppe „VEENEM WAYA“ den ersten Bedarf für Gourgou ermittelt hat.

Langfristig muss der Kauf und Nachkauf über die reichlich vorhandenen Solarmärkte in Burkina-Faso erfolgen.

Es gibt in Burkina-Faso die Winner Industrie Fabrik, die monatlich 1,5 Millionen höherwertige Einwegbatterien herstellt. Sie sollte dafür gewonnen werden, in Zukunft auch wieder aufladbare Batterien zu produzieren. Der riesige westafrikanische Markt wartet darauf.

Es gibt auf den Märkten die ersten LED-Taschenlampen mit Lithium-Ionen Akkus. Diese können in der Taschenlampe am Netz mit Wechselstrom (AC) 220 V oder mit Gleichstrom (DC) 12 V aufgeladen werden. Die entsprechenden Ladeadapter werden mit der Lampe geliefert. Leider sind diese Taschenlampen mit 10 000 CFA (15,- €) noch sehr teuer. Ein Ersatz Lithium-Ionen Akku (3,7 V – 4200 mAh) kostet 2 000 CFA (3,- €). Wenn er die genannte Kapazität hat, wäre das sehr, sehr preiswert. Es zeigt sich hiermit, dass die Chinesen den Markt in Afrika auch mit wieder aufladbaren Batterien anpeilen. Mittelfristig wird der Markt das Beschaffungsproblem lösen.


4. Die Refinanzierung des Systemwechsels über Ratenzahlungen (evtl. Mikro-Kredite)

Durch Sach- und Geldspenden und sehr preisgünstige Einkäufe sind die Projekte in Gourgou und auf der Tondtenga-Farm vorfinanziert. Die Kosten der gekauften Materialien müssen von den Käufern/Nutzern in 12 oder 24 Monatsraten erstattet werden. Diese Raten liegen erheblich unter den jetzigen Aufwendungen für den Kauf der Einwegbatterien und Ladegebühren für Handy-Akkus. Die zurückfließenden Finanzmittel werden in einem Beschaffungsfond gesammelt und können wieder für den Nachkauf weiterer Materialien eingesetzt werden.

Hierfür bitten wir um Spenden unter dem Stichwort „Reis statt Giftmüll“, die weitere Projekte ermöglichen sollen. Durch systematische Auswertung der Erfahrungen können Veränderungen und Verbesserungen für den Systemwechsel entwickelt werden.

Durch diese Modellprojekte soll ein Anstoß geben werden, den Systemwechsel von der Einwegbatterie zur wieder aufladbaren Batterie als Prozess, der sich selbst verbreitet, in Gang zu bringen.

Der Ladekiosk, die Ladestation für Handy-Akkus ist hierfür das positive Vorbild. Es begann vor Jahren mit vereinzelten Kiosken, die sich über ganz Burkina-Faso ausgebreitet haben. Alle notwenigen technischen Anlagenteile werden jetzt auf den Solarmärkten angeboten und ständig nachgefragt. Da ist ein Selbstlauf entstanden, der das ganze Land erfasst hat. So könnte es auch für die wieder aufladbaren Batterien gehen!

Projektträger und -beteiligte 2/2013

Projekt-Organisator Arwed Milz; Lönsberg 7, 21465 Reinbek; e-mail: arwed.milz(at)gmx.de

Dieses Projekt wird über Lernen-Helfen-Leben e.V. organisiert.

Bisherige Unterstützer:

Gingko Foundation ;

A.M.P.O./Sahel e.V. ;

Kinderhilfe Westafrika e.V.

Villageboom GmbH ;

Fa. Pollin Electronic GmbH.

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*Spenden bitte an „Lernen-Helfen-Leben e.V.“ Volksbank Vechta,

BIC-Nummer: GENO DE F1 VEC

IBAN: DE21 2806 4179 0135 875812, Verwendungszweck: Reis statt Giftmüll.

Bitte Adresse hinzufügen für Ihre Spendenbescheinigung.